Montag, 21.11.11

Medientage 2011 - ein Fazit von Jörg Blumtritt

Jörg Blumtritt, Forschungschef MediaCom, hat im Gespräch mit Sven Wollner, Managing Partner Marketing & Freshness MediaCom, sein persönliches Fazit der Medientage München (Oktober 2011) gezogen.

Düsseldorf, November 2011

SW: Jörg, du hast im Vorfeld der Medientage ein "kommentiertes Vorlesungsverzeichnis" der Medientage erstellt, in dem du "deine" Topthemen wie z.B. Social TV oder auch Netzneutralität erläutert hast. Sind deine Erwartungen an die Medientage München erfüllt worden?

JB: Die Medientage als d e r Branchentreff der Medienwelt haben - wie immer - alle Erwartungen erfüllt, d. h. Gespräche im 15-Minuten-Takt, von 09:30h bis zum Abendessen. Inhaltlich und von den Referenten her war das Programm so weit auf der Höhe der Zeit wie schon ganz lange nicht mehr. Eine unbezwingbare Menge von Podien zu den wichtigsten, aktuellen Themen von Marketing über Publizistik und sogar Netzpolitik. Allerdings ist die Veranstaltung immer ein wenig zurückhaltend, was die Intensität der Auseinandersetzung betrifft.

SW: Welche Themen sind das? Und für wen genau sind die relevant?

JB: Social TV,  zum Beispiel. Hier forschen wir als MediaCom schon an mehreren Studienansätzen, um das Thema für unsere Kunden greifbarer zu machen und die Relevanz besser zu beurteilen.

Was sagt es z.B. aus, wenn man aktuell schon via Twitter für einzelne Kandidaten bei einer TV-Show wie "X-Faktor" abstimmen kann? Werden und wollen die Zuschauer in Zukunft auf das Programm Einfluss nehmen können? Der "TV-Nutzer" schaut nicht nur zu, sondern unterhält sich schon heute über das, was er sieht, mit Freunden auf der Arbeit, auf den Schulhof oder im Internet. Dieses Thema ist also für Programmschaffende und Werbetreibenden durchaus aktuell.

SW: Aber ist denn Fernsehen nicht weiterhin eher ein Couch-Moment bzw. neudeutsch "Lean back"-Medium?

JB:  Manche Programmformate sorgen ganz erheblich für Kommunikation auf Twitter und Facebook - die einen werden allgemein diskutiert, wie wir das schon seit Jahren in Foren erleben, bei anderen - und das ist neu - wird synchron zur Ausstrahlung getwittert/gepostet - also ein neuartiger Fall von Parallelnutzung, bei dem der User nicht etwas ganz anderes macht und TV evtl. zum "Nebenbeimedium" wird, sondern bei dem das "Nebenbei" ganz intensiv mit dem Programm zu tun hat. Die Gerätehersteller versuchen, dieses Verhalten durch Technik zu unterstützen - hbbtv ist ein Beispiel, aber auch viele Game-Konsolen wie die Microsoft XBox laden zu Social TV ein. Schließlich gibt es noch die Apps für Smartphone oder Tablet.

SW: Apps als Steuerung fürs TV und somit eine "Lean-forward" Nutzung, ist das dann endlich das jahrelang beschworene 'interaktive Fernsehen'?

JB: Die Interaktivität durch Social Media bringt mehr als nur Ja/Nein-Buttons auf der Fernbedienung zu drücken. Social Media wird nun als Messmethode eingesetzt. Nicht nur die Programmschaffenden sehen, was der Zuschauer sich wünscht, sondern auch die Werbetreibenden bekommen Ergebnisse auf ihre Werbebotschaft. Als Ergänzung zum bewährten GfK Panel, das bevölkerungsrepräsentativ die Einschaltquoten misst, können Social Media Analysen in Twitter oder auch Facebook sehr zeitnah qualitative Erkenntnisse zum Rezeptionsverhalten von Content bringen. Die Gespräche über Sendungen, die früher erst am nächsten Tag im Büro geführt worden sind, wandern somit zeitlich ganz nah an den Sendetermin heran und sind für uns nun mitlesbar.

SW: Qualitative Erkenntnisse sind das eine, aber unsere Kunden interessieren sich ja auch weiterhin für die harten Fakten. Mediapläne nutzen den GRP, also eine Maßeinheit für Werbedruck im Fernsehen. Wie kann denn diese Währung in die digitale Welt transferiert werden?

JB:Diese Frage wird gerade intensiv zwischen Werbekunden, Agenturen, Online-Vermarktern und Fernsehsendern diskutiert. Über das 'Wie' sind sich alle einig: Es geht nur mit einer Kombination aus Tracking, vergleichbar zur Messung durch die IVW heute mit einem Panel. 'Was' aber gemessen werden soll, darüber sind sich Kunden, Agenturen und Onliner auf der einen und die TV-Leute auf der anderen Seite noch nicht einig geworden.

Bis wir einen Konsens haben nutzen wir zum einen eigene Ad-Hoc-Erhebungen, zum anderen das Media Efficiency Panel der GfK - beides Single-Source-Ansätze, d.h. die TV- und Online-Nutzung wird an den selben Personen gemessen.

SW: Jörg, neben Social TV und Währungsparität, was sind die Themen, die dich auf den Medientagen noch besonders angesprochen haben?

JB: Ein extrem spannendes, politisches und zukunftsentscheidendes Thema ist die Netzneutralität: Soll bzw. darf die Durchleitung von Informationen durch die Netzbetreiber der Internet-Infrastruktur mit unterschiedlichen Gebühren für unterschiedliche Angebote belegt werden? Wer entscheidet, welche Bits durch das Netz gehen?  Was sind denn gute oder schlechte Bits?

Für die Werbewirtschaft wird es entscheidend sein, ob zusätzliche Restriktionen für Reichweiten (insbesondere bei Streaming-Angeboten) aufgebaut werden. Falls dies der Fall wäre, stünden am Ende reichweitenstarke Angebote nicht mehr als Werbeplattformen zur Verfügung bzw. müssten einen zu hohen TKP verlangen, um wirtschaftlich zu bleiben.

Location Based Services und Mobile Social Media -"LoMoSo", wie das in den letzten Jahren scherzhaft betitelt wurde, hat jetzt durch die massenhafte Verbreitung von Smartphones und Daten-Flatrates die nächste Stufe genommen. Die Verbindung von lokalen Angeboten mit nationalen Kampagnen und der Markenstrategie ist natürlich schon lange Teil der Mediaplanung, bekommt jetzt aber neue Impulse. Ein Aspekt ist das spielerische Erleben der Marke, auch "Gamification" genannt.

Kampagnen werden somit zum Spiel - die Menschen können in ihrer direkten, realen Umgebung Marken und deren Botschaften erleben, z.B. indem sie bestimmte Aufgaben lösen müssen, bestimmte Orte besuchen u.s.w.  Wenn man sich z.B. auf Foursquare an einem Ort eincheckt, erhält man Hinweise auf Sonderangebote oder einen speziellen Rabatt.

SW: Besten Dank, Jörg, für deine Analysen und die Zusammenfassung. Letzte Frage: bist du bei den Medientagen 2012 wieder dabei?

JB: Sven, auf jeden Fall. Ich möchte mir nicht entgehen lassen, ob sich dann mehr digitale Experten auf der "Elefantenrunde" verirren. Und vielleicht können wir als MediaCom in 2012 auch einige Themen, die wir in der Pipeline haben, aktiv in den Kongress einbringen. Mein Traum wäre es ja, Studienergebnisse zur Memetik (Hacking the meme code) vorzustellen und mit tausenden Besuchern über die Bedeutung der LOL-Cat zu diskutieren….